Quereinsteiger in der Arztpraxis einstellen: Chancen und rechtliche Grenzen
Björn-Christian Müller
Gründer & Geschäftsführer

Kurz zusammengefasst
Quereinsteiger können eine Praxis spürbar entlasten – vor allem am Empfang, in der Terminorganisation und bei administrativen Aufgaben. Bei patientennahen und medizinischen Tätigkeiten sieht die Sache anders aus: Was jemand ohne MFA- oder ZFA-Abschluss übernehmen darf, hängt davon ab, ob die Aufgabe überhaupt delegierbar ist, ob die Person dafür geeignet ist und wie eng die Arbeit begleitet wird. Wer über Jahre im Beruf mitgearbeitet hat, kann außerdem einen anerkannten Abschluss über die sogenannte Externenprüfung nachholen, ohne eine komplette Ausbildung zu wiederholen. Beides zusammen macht Quereinsteiger zu einer realistischen, aber klar begrenzten Option für Praxen mit offenen Stellen.
Für viele Praxisinhaberinnen und Praxisinhaber ist die Überlegung, Quereinsteiger einzustellen, kein grundsätzliches Für oder Wider mehr, sondern eine Frage der konkreten Umsetzung: Welche Aufgabe passt zu welcher Qualifikation, welche Begleitung braucht es, und wie lässt sich das Ganze so organisieren, dass weder Patientensicherheit noch Teamstruktur leiden? Genau diese Fragen stehen im Mittelpunkt der folgenden Abschnitte.
Warum das Thema gerade jetzt relevant ist
Jährlich ermittelt die Bundesagentur für Arbeit, in welchen Berufen offene Stellen wegen Fachkräftemangels schwer zu besetzen sind. In der Analyse für 2024 erreichten Medizinische Fachangestellte einen Engpasswert von 2,3 , was den Beruf weiterhin klar als Engpassberuf einordnet. Bei Zahnmedizinischen Fachangestellten ist die Lage noch angespannter: Offene Stellen für ZFA werden im Durchschnitt erst nach vier Monaten besetzt. Insgesamt gilt: Über die Hälfte der gemeldeten Stellen für Fachkräfte entfallen auf Engpassberufe.
Diese Zahlen erklären, warum viele Praxen überhaupt über Bewerberinnen und Bewerber ohne einschlägige Ausbildung nachdenken. Ein Freibrief, fachliche Standards zu senken, sind sie trotzdem nicht. Sie sind eher ein Grund, Aufgaben klarer zu sortieren und Einarbeitung ernster zu nehmen als bisher.
In der Praxis zeigt sich das oft ganz konkret: Eine Stelle am Empfang bleibt monatelang unbesetzt, während sich gleichzeitig Bewerbungen von Menschen häufen, die zwar keine medizinische Ausbildung, aber jahrelange Erfahrung aus dem Einzelhandel, der Hotellerie oder der öffentlichen Verwaltung mitbringen. Diese Erfahrung ist für viele organisatorische Aufgaben in der Praxis durchaus wertvoll – sie muss nur richtig eingeordnet und genutzt werden. Wer hier zu kategorisch denkt und ausschließlich nach einschlägiger Vorerfahrung sucht, verschenkt unter Umständen gute Besetzungsmöglichkeiten.
Was Quereinsteiger übernehmen können
Organisation, Empfang, Verwaltung
Terminvergabe, Telefon, Anmeldung, Dokumentenpflege, Vorbereitung der Abrechnung, Materialbestellung: Solche Aufgaben lassen sich mit solider Einarbeitung und etwas Berufserfahrung aus Verwaltung, Service oder kaufmännischen Berufen gut übernehmen. Entscheidend sind hier vor allem Sorgfalt, Kommunikationsfähigkeit und die Bereitschaft, sich in Praxissoftware und Abläufe einzuarbeiten – eine formale medizinische Qualifikation ist dafür nicht nötig.
Gerade in diesem Bereich zeigt sich häufig, wie schnell sich Quereinsteiger einarbeiten, wenn die Abläufe klar strukturiert sind. Jemand, der zuvor an einer Hotelrezeption gearbeitet hat, bringt oft schon ein gutes Gespür für Terminmanagement und den Umgang mit wartenden oder ungeduldigen Menschen mit. Wer aus der Buchhaltung kommt, findet sich in der Abrechnungslogik häufig schneller zurecht als erwartet. Solche Parallelen lohnt es sich im Vorstellungsgespräch gezielt anzusprechen, um realistisch einzuschätzen, wie viel Einarbeitungszeit tatsächlich nötig ist.
Patientennahe und medizinische Tätigkeiten
Sobald jemand direkt an Patientinnen und Patienten arbeitet, reicht eine normale Einarbeitung nicht automatisch aus. Die Ärztin oder der Arzt muss im Einzelfall prüfen, ob die Aufgabe delegiert werden darf, ob die Person dafür geeignet ist und wie eng die Arbeit kontrolliert werden muss. Der Grund liegt im Berufsbild selbst: Medizinische Fachangestellte ist ein dreijähriger anerkannter Ausbildungsberuf im Bereich Freie Berufe , der Ärztinnen und Ärzte unter anderem bei EKG, Röntgenuntersuchungen oder Endoskopien unterstützt, Verbände anlegt, Spritzen vorbereitet und Blut abnimmt . Diese Aufgaben sind also ausdrücklich Teil eines geregelten Ausbildungsberufs. Das heißt nicht, dass Quereinsteiger sie grundsätzlich nicht übernehmen dürfen – wohl aber, dass Eignung, Anleitung und Verantwortlichkeit vorab geklärt sein müssen.
Für Praxen bedeutet das: Je näher eine Aufgabe am Patienten liegt, desto wichtiger wird die schriftliche Klärung, wer wofür verantwortlich ist. Und desto weniger eignet sich die Stelle für einen schnellen Einstieg ohne Begleitung.
In der täglichen Praxis heißt das konkret: Eine Quereinsteigerin kann durchaus lernen, ein EKG korrekt vorzubereiten oder Patientinnen und Patienten bei einfachen Untersuchungen zu begleiten – aber erst, nachdem die Ärztin oder der Arzt die Aufgabe ausdrücklich delegiert, die praktische Eignung geprüft und eine Einarbeitungsphase mit engmaschiger Kontrolle durchlaufen wurde. Ohne diese Schritte bleibt die Tätigkeit unzulässig, selbst wenn die betreffende Person motiviert und geschickt wirkt. Hilfreich ist es, für solche Aufgaben feste Kriterien zu definieren: Wann gilt jemand als eingearbeitet? Wer dokumentiert die Freigabe? Und wie oft wird die Qualität der Durchführung stichprobenartig überprüft? Solche Fragen lassen sich am besten schon vor der Einstellung im Team besprechen, damit später keine Unklarheiten entstehen.
Der Weg zum anerkannten Abschluss: Externenprüfung
Für Quereinsteiger, die sich langfristig binden möchten, gibt es einen regulären Weg zum anerkannten Abschluss, ohne noch einmal von vorn anzufangen: die sogenannte Externenprüfung. Wer mindestens das Eineinhalbfache der vorgeschriebenen Ausbildungszeit im Beruf gearbeitet hat – bei einer dreijährigen Ausbildung also rund 4,5 Jahre in Vollzeit –, kann zur Abschlussprüfung zugelassen werden, auch ohne eine reguläre duale Ausbildung durchlaufen zu haben. Dieser Weg ist Teil des bundesweit geregelten Berufsbildungssystems und wird von den zuständigen Kammern organisiert.
Für Praxen ist das ein doppelt nützliches Argument. Zum einen gibt es langjährigen, bewährten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine reale Perspektive auf einen anerkannten Abschluss. Zum anderen bindet es Personal, das sonst möglicherweise abwandert, weil ihm die formale Qualifikation fehlt. Fortbildungsangebote der Landesärztekammern und Berufsverbände bereiten gezielt auf diese Prüfung vor.
Praktisch lohnt es sich, dieses Thema nicht erst anzusprechen, wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter von sich aus danach fragt, sondern frühzeitig im Mitarbeitergespräch zu thematisieren. Wer weiß, dass ein anerkannter Abschluss nach einigen Jahren realistisch erreichbar ist, bleibt der Praxis oft eher treu und investiert mehr Engagement in die tägliche Arbeit. Manche Praxen vereinbaren dafür feste Entwicklungsschritte: etwa, dass nach zwei Jahren ein Gespräch über eine Vorbereitung auf die Externenprüfung stattfindet, inklusive einer Klärung, welche Unterstützung die Praxis in dieser Zeit leisten kann, sei es durch Freistellung für Vorbereitungskurse oder durch eine anteilige Kostenübernahme.
Stellenanzeigen für Quereinsteiger rechtssicher formulieren
Wer gezielt Quereinsteiger ansprechen möchte, sollte zwei Dinge im Blick behalten.
Erstens: Das AGG schützt unter anderem vor Benachteiligung wegen des Alters, neben Merkmalen wie Geschlecht, Behinderung oder ethnischer Herkunft. Formulierungen, die implizit auf ein bestimmtes Lebensalter zielen – etwa feste Jahresangaben zur Berufserfahrung oder Zusätze wie "junges Team" –, lassen sich besser vermeiden, selbst wenn keine Absicht dahintersteckt.
Zweitens: Beschreiben Sie, was tatsächlich gebraucht wird, statt Mindestkriterien aufzulisten, die eigentlich Lebenserfahrung oder Alter meinen. Sinnvoller sind konkrete Aufgaben ("Terminorganisation, Patientenempfang, Unterstützung bei der Abrechnung") und die tatsächlich notwendigen Fähigkeiten ("sicherer Umgang mit Computern, Freude am Kontakt mit Menschen"). So öffnet sich die Anzeige für Bewerberinnen und Bewerber unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher beruflicher Vorgeschichte, ohne an fachlicher Präzision zu verlieren. Im Zweifel lohnt sich vor der Veröffentlichung eine arbeitsrechtliche Prüfung der genauen Formulierung.
Ein weiterer Praxistipp: Statt pauschal "Quereinsteiger willkommen" zu schreiben, hilft es, konkret zu benennen, aus welchen Bereichen Erfahrung besonders nützlich ist – etwa aus Dienstleistung, Verwaltung oder Kundenkontakt. Das macht die Anzeige greifbarer und hilft Bewerberinnen und Bewerbern einzuschätzen, ob ihr bisheriger Werdegang passt, ohne dass dabei ein bestimmtes Alter oder eine bestimmte Lebensphase mitschwingt.
Einarbeitung strukturieren: ein Ablauf, der sich bewährt
Eine gute Einarbeitung entscheidet oft darüber, ob aus einem Quereinstieg eine dauerhafte Besetzung wird. Fünf Punkte helfen dabei:
- Aufgaben vorab klar trennen. Was ist Verwaltung, was ist patientennah, was braucht ärztliche Freigabe? Das sollte vor dem ersten Arbeitstag feststehen, nicht erst während der Einarbeitung.
- Eine feste Ansprechperson benennen. Ein erfahrenes Teammitglied als Mentorin oder Mentor reduziert Unsicherheit auf beiden Seiten und schafft eine klare Eskalationslinie bei Rückfragen.
- Die gesetzlich vorgeschriebene Unterweisung nicht vergessen. Bei jeder Neueinstellung ist eine Ersteinweisung zum Arbeitsschutz fällig. Anlässe dafür sind unter anderem Einstellung oder Versetzung von Mitarbeitenden sowie Veränderungen im Aufgabenbereich – das betrifft ausdrücklich auch Quereinsteiger, nicht nur ausgebildetes Fachpersonal.
- Fortschritt dokumentieren. Ein kurzer schriftlicher Einarbeitungsplan mit Meilensteinen schafft Nachvollziehbarkeit, auch für den Fall, dass später über eine Externenprüfung oder zusätzliche Aufgaben entschieden wird.
- Regelmäßig zurückmelden. Kurze, feste Feedback-Termine in den ersten Wochen verhindern, dass sich Missverständnisse über Zuständigkeiten erst spät zeigen.
Dieser Ablauf funktioniert unabhängig davon, mit welchem Werkzeug eine Praxis ihre Personalsuche organisiert. In der Praxis hat es sich bewährt, den Einarbeitungsplan nicht nur schriftlich festzuhalten, sondern ihn auch gemeinsam mit der neuen Mitarbeiterin oder dem neuen Mitarbeiter durchzugehen – so wird von Anfang an klar, welche Schritte anstehen und woran der Fortschritt gemessen wird. Gerade in den ersten Wochen hilft es außerdem, kleine Erfolge sichtbar zu machen: Wenn jemand die Terminverwaltung eigenständig übernehmen kann oder die Abrechnung ohne Rückfragen vorbereitet, lohnt sich eine kurze, ehrliche Rückmeldung im Team. Das stärkt nicht nur die Motivation, sondern macht auch für alle anderen sichtbar, welche Verantwortung bereits übernommen werden kann und welche noch nicht.
Ebenso wichtig ist es, Rückschläge nicht als Scheitern zu werten, sondern als Teil des Lernprozesses einzuplanen. Wer aus einem völlig anderen Berufsfeld kommt, braucht naturgemäß länger, um sich in medizinische Fachbegriffe, Abrechnungssysteme oder praxisinterne Software einzuarbeiten, als jemand mit einschlägiger Vorbildung. Eine realistische Erwartungshaltung auf beiden Seiten – Praxis wie Mitarbeiterin oder Mitarbeiter – verhindert Frust und sorgt dafür, dass die Einarbeitungszeit tatsächlich genutzt wird, statt als bloße Formalität abgehakt zu werden.
Wer zusätzlich eine eigene Karriereseite oder einen Talentpool nutzen möchte, um auch für künftige Vakanzen vorzusorgen, findet entsprechende Funktionen etwa bei luna Jobs – als Ergänzung, nicht als Ersatz für eine saubere Einarbeitung.
Fazit für die Praxis
Quereinsteiger sind kein Ersatz für ausgebildetes Fachpersonal, aber in vielen Konstellationen eine sinnvolle Erweiterung des Teams – besonders dort, wo organisatorisches Geschick mehr zählt als eine abgeschlossene medizinische Ausbildung. Entscheidend ist, von Anfang an klar zu trennen, was delegierbar ist und was nicht, die Einarbeitung ernst zu nehmen und langfristig motivierten Mitarbeitenden den Weg zu einem anerkannten Abschluss aufzuzeigen. Wer diese Grundlagen beachtet, kann aus einem Quereinstieg eine stabile, langfristige Besetzung machen. Weitere Beiträge rund um Personalgewinnung finden Sie im Jobs-Ratgeber.
Häufige Fragen
- Dürfen Quereinsteiger ohne MFA-Ausbildung Blut abnehmen oder spritzen?
- Nur, wenn die Ärztin oder der Arzt die Aufgabe im Einzelfall delegiert, die Person dafür nachweislich geeignet ist und die Durchführung angeleitet und kontrolliert wird. Eine pauschale Übernahme solcher Tätigkeiten ohne Prüfung ist nicht vorgesehen. Im Zweifel sollte das arbeitsrechtlich und haftungsrechtlich geprüft werden.
- Wie lange dauert eine realistische Einarbeitung für Quereinsteiger?
- Das hängt stark vom Aufgabenbereich ab. Für Empfang und Organisation reichen oft einige Wochen strukturierter Einarbeitung, für patientennahe Tätigkeiten braucht es meist deutlich länger, begleitete Praxis und eine klare Rückmeldung, wann jemand eigenständig arbeiten darf.
- Was kostet die Externenprüfung, und wer trägt die Kosten?
- Die Gebühren variieren je nach zuständiger Kammer und Region. Häufig fallen Prüfungsgebühren sowie – falls gewünscht – Kosten für einen Vorbereitungskurs an. Ob und in welchem Umfang sich die Praxis beteiligt, ist Verhandlungssache und sollte schriftlich festgehalten werden.
- Ist das Wort Quereinsteiger in der Stellenanzeige problematisch?
- Das Wort selbst ist unproblematisch. Riskant sind eher Zusätze, die auf ein bestimmtes Alter oder eine bestimmte Lebensphase hindeuten, etwa feste Jahresangaben zur Berufserfahrung oder Formulierungen wie junges Team. Beschreiben Sie stattdessen die Aufgaben und die notwendigen Fähigkeiten.
- Können Quereinsteiger später Verantwortung in der Praxis übernehmen?
- Grundsätzlich ja, sobald ein anerkannter Abschluss vorliegt – etwa über die Externenprüfung – und ausreichend Erfahrung gesammelt wurde. Bis dahin bleibt die fachliche und rechtliche Verantwortung bei der behandelnden Ärztin oder dem Arzt.
Quellen
Sie suchen Fachkräfte?
Mit luna Jobs verwalten Sie alle Bewerbungen an einem Ort und werden zusätzlich bei Google Jobs gefunden.
Zu luna Jobs