Neue Patienten gewinnen: Welche Kanäle für Arztpraxen wirklich funktionieren
Wer neue Patienten für die Arztpraxis gewinnen will, braucht keine Kanal-Sammlung, sondern die richtige Reihenfolge. Ein ehrlicher Überblick.
Björn-Christian Müller
Gründer & Geschäftsführer
Montagmorgen, kurz nach acht: Das Telefon klingelt, eine neue Patientin fragt nach einem Termin. Auf die Frage, wie sie auf die Praxis gestoßen sei, kommt oft ein zögerliches „Ich hab das irgendwo gesehen" oder ein bestimmtes „Bei Google, da standen Sie ganz oben." Diese kurze Antwort sagt mehr über die eigene Sichtbarkeit aus als jede Marketingstrategie auf dem Papier. Sie zeigt, wo eine Praxis ihre begrenzte Zeit und ihr begrenztes Budget beim Thema Sichtbarkeit tatsächlich einsetzen sollte — und wo nicht. Diese Beobachtung wiederholt sich in vielen Praxen, unabhängig von Fachgebiet oder Standort.
Die falsche erste Frage
Viele Praxisinhaber fragen zuerst: Welchen Kanal sollen wir bespielen — Google, Social Media, eine Anzeige in der Lokalzeitung? Diese Frage kommt zu früh. Sinnvoller ist der Blick zurück, bevor der Blick nach vorn geht: Wie suchen potenzielle Patienten in der eigenen Region und im eigenen Fachgebiet überhaupt nach einer Praxis?
Bei einer Kinderarztpraxis sieht das anders aus als bei einer spezialisierten orthopädischen Praxis mit überregionalem Einzugsgebiet. Im ersten Fall entscheiden meist Nähe und schnelle Erreichbarkeit, im zweiten eher Fachkompetenz und Bewertungen. Diese Unterscheidung zu überspringen kostet am Ende doppelt: Zeit und Budget landen auf Kanälen, die für die eigene Patientenschaft kaum relevant sind, während die eigentlich wichtigen Stellschrauben unangetastet bleiben.
Das Google-Unternehmensprofil: der Kanal, den Sie schon haben
Fast jede Praxis hat ein Google-Unternehmensprofil, oft ohne es je aktiv angelegt zu haben. Es taucht auf, sobald jemand nach „Zahnarzt" plus Ortsname sucht, mit Öffnungszeiten, Adresse, Fotos und Bewertungen. Wird dieses Profil nicht gepflegt, entscheidet Google allein darüber, welche Sprechzeiten und Kontaktdaten angezeigt werden — und das nicht immer korrekt.
Die Pflege selbst ist überschaubar: aktuelle Öffnungszeiten, ein paar aussagekräftige Fotos vom Praxisteam und den Räumen, korrekte Angaben zu Barrierefreiheit und Parkmöglichkeiten. Genauso wichtig ist der Umgang mit Rezensionen. Für die aktive Bitte um eine Bewertung gilt: Eine freundliche, allgemeine Aufforderung ist erlaubt. Nicht erlaubt sind Gegenleistungen für Bewertungen oder das gezielte Aussortieren unzufriedener Patienten, bevor sie überhaupt bewerten können. Wer sich unsicher ist, hält sich am besten an eine einfache Regel: Fragen darf man alle, auswählen nicht. Wer sich diese Mühe macht, gewinnt nicht nur nach und nach bessere Bewertungen, sondern auch das Vertrauen unentschlossener Patientinnen und Patienten, die vor der Anfrage erst einmal vergleichen.
Bewertungen entscheiden öfter mit, als man denkt
Der Eindruck, Bewertungen seien nur etwas für Restaurants und Hotels, hält sich hartnäckig in vielen Praxen. Die Zahlen sprechen dagegen: Schon ein Drittel der Patientinnen und Patienten in Deutschland achtet bei der Arztwahl auf gute Online-Bewertungen der jeweiligen Praxis, wie eine Bitkom-Befragung zeigt. Bei jüngeren Menschen liegt der Anteil noch höher.
Das heißt nicht, dass jede Praxis um jeden Preis Fünf-Sterne-Bewertungen sammeln muss. Es heißt vor allem, dass ein Profil mit drei Jahre alten, vereinzelten Bewertungen ein schiefes Bild abgibt, unabhängig davon, wie gut die tatsächliche Behandlung ist. Praxen, die neue Patientinnen und Patienten gewinnen möchten, sollten das Thema deshalb nicht dem Zufall überlassen, sondern sanft in den Praxisalltag einbauen — etwa durch eine kurze, freundliche Erinnerung am Empfang nach einem zufriedenstellenden Termin. Auch eine einzelne kritische Bewertung ist kein Grund zur Panik: Eine ruhige, sachliche Antwort wirkt auf Mitlesende oft überzeugender als das Verschwinden der Bewertung selbst.
Die eigene Website: mehr als eine digitale Visitenkarte
Ein gepflegtes Google-Profil führt Interessierte fast immer weiter zur Praxis-Website. Dort entscheidet sich, ob aus Interesse tatsächlich ein Termin wird. Eine Website, die auf dem Smartphone langsam lädt, ein Kontaktformular ohne Bestätigung oder ein Impressum, das seit Jahren nicht aktualisiert wurde — all das kostet still und leise Patienten, ohne dass die Praxis es überhaupt merkt. Gerade der erste Eindruck auf dem Handy entscheidet oft in wenigen Sekunden, ob jemand bleibt oder zur nächsten Praxis in der Trefferliste weiterklickt.
Für Praxen mit einem breiteren Einzugsgebiet lohnt sich zusätzlich der Blick auf die Auffindbarkeit in der Suche selbst, also darauf, ob die Website bei relevanten Suchanfragen überhaupt erscheint. Das ist kein Thema, das sich über Nacht erledigen lässt — aber ohne diese Grundlage verlaufen viele andere Bemühungen im Sand. Wer wissen möchte, wo die eigene Website aktuell steht, kann sie mit einem kostenlosen Website-Check prüfen lassen, bevor größere Änderungen anstehen. Mehr zum Thema Auffindbarkeit über Suchmaschinen findet sich auch bei den Leistungen rund um SEO für Praxen.
Ein kleiner, aber oft unterschätzter Baustein auf der Website ist der Service für bestehende und potenzielle Patienten. Ein Vorsorge-Checker, der direkt auf der Website zeigt, welche Kassen-Vorsorgeuntersuchungen jemandem zustehen, ist zwar kein klassischer Akquisekanal im engeren Sinn. Er macht die Website aber nützlicher, und eine nützliche Website wird eher weiterempfohlen als eine, die nur informiert.
Empfehlungen und Zuweiser: der unterschätzte Offline-Kanal
Bei allem digitalen Aufwand bleibt Mundpropaganda für viele Praxen der verlässlichste Weg zu neuen Patienten. Das gilt besonders für Hausarztpraxen und für Fachrichtungen mit engem Bezug zur Nachbarschaft. Zufriedene Patientinnen und Patienten erzählen es weiter — vorausgesetzt, die Erfahrung war tatsächlich gut, von der Terminvergabe bis zum Abschied am Empfang. Diese Empfehlungen lassen sich schwer messen, aber sie sind oft der Grund, warum eine Praxis über Jahre hinweg kaum aktiv um neue Patienten werben musste.
Für Praxen, die auf Zuweisungen durch Kolleginnen und Kollegen angewiesen sind, etwa in vielen fachärztlichen Bereichen, zählt eine andere Form der Sichtbarkeit: die fachliche Reputation bei anderen Praxen und in der Ärztekammer-Region. Ein kurzer Anruf oder Brief an zuweisende Praxen, etwa nach einer Praxisübernahme oder einem neuen Behandlungsangebot, wirkt dabei oft nachhaltiger als jede Anzeige. Manche Praxen fragen neue Patientinnen und Patienten deshalb beim ersten Termin kurz, wie sie auf die Praxis aufmerksam wurden — eine einfache Notiz am Empfang reicht, um über die Zeit ein Gefühl für die wichtigsten Kanäle zu bekommen.
Social Media und Anzeigen: nicht für jede Praxis nötig
Es gibt Praxen, für die ein Instagram- oder Facebook-Auftritt sinnvoll ist, etwa spezialisierte Angebote in Ballungsräumen, bei denen die Zielgruppe ohnehin viel Zeit auf diesen Plattformen verbringt. Für eine gut ausgelastete Hausarztpraxis auf dem Land ist der Aufwand dagegen oft nicht gerechtfertigt — die Termine sind ohnehin voll, und die Zielgruppe informiert sich meist anders. Hier zählt Ehrlichkeit mehr als Vollständigkeit: Ein Kanal, den niemand pflegt, schadet dem Bild einer Praxis mehr, als er ihr hilft.
Wer sich trotzdem für bezahlte Werbung entscheidet, ob auf Social Media oder als klassische Anzeige, bewegt sich zusätzlich im Rahmen des Heilmittelwerbegesetzes. Es setzt unter anderem Grenzen bei Erfolgsversprechen und bei der Werbung für bestimmte Behandlungen. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung, Stand ist August 2026 — bei Unsicherheiten lohnt sich vorab ein Blick ins Gesetz oder ein Gespräch mit der zuständigen Kammer.
Womit anfangen?
Wer bei null anfängt, muss nicht alle Kanäle gleichzeitig bespielen. Ein realistischer erster Schritt sieht so aus:
- Google-Unternehmensprofil prüfen und aktuell halten: Öffnungszeiten, Fotos, Kontaktdaten.
- Bewertungen aktiv, aber unaufdringlich fördern, ohne Gegenleistungen anzubieten.
- Die eigene Website auf Ladezeit, Mobilfreundlichkeit und Aktualität prüfen lassen.
Ergebnisse zeigen sich dabei unterschiedlich schnell. Ein aktualisiertes Google-Profil kann sich schon nach wenigen Wochen in mehr Anfragen niederschlagen, während sich eine bessere Auffindbarkeit der Website über Suchmaschinen meist erst nach mehreren Monaten bemerkbar macht. Wer das im Blick hat, bleibt gelassener, wenn der erste Effekt noch ausbleibt, statt vorschnell den nächsten Kanal auszuprobieren.
Erst danach lohnt sich der Blick auf zusätzliche Kanäle wie Social Media oder Anzeigen, und auch dann nur, wenn sie wirklich zur eigenen Patientenschaft passen. Nicht jede Praxis braucht jeden Kanal. Manche brauchen vor allem eines: dass die Grundlagen stimmen, bevor überhaupt neue Kanäle dazukommen — alles andere ist Zeit, die an anderer Stelle besser investiert wäre.
Häufige Fragen
- Reicht ein gutes Google-Unternehmensprofil schon aus, um neue Patienten zu gewinnen?
- Für viele Praxen ist es der wichtigste einzelne Baustein, aber selten der einzige. Ohne eine Website, auf die das Profil verlinkt, und ohne ein paar aktuelle Bewertungen bleibt ein Teil der Wirkung ungenutzt.
- Müssen Praxen aktiv um Bewertungen bitten?
- Eine freundliche, allgemeine Bitte ist zulässig. Nicht erlaubt sind Gegenleistungen für Bewertungen oder das gezielte Aussortieren unzufriedener Patienten, bevor sie bewerten dürfen.
- Lohnt sich Social Media für jede Praxis?
- Nein. Für eine gut ausgelastete Hausarztpraxis auf dem Land bringt ein Instagram-Kanal oft wenig. Für spezialisierte Angebote in Ballungsräumen kann er dagegen sichtbar zur Neupatientengewinnung beitragen.
- Wie schnell wirkt sich ein neuer Kanal auf die Patientenzahlen aus?
- Selten sofort. Das Google-Unternehmensprofil kann innerhalb von Wochen Wirkung zeigen, eine bessere Website-Auffindbarkeit über Suchmaschinen meist erst nach einigen Monaten.
- Was ist beim Werben um neue Patienten rechtlich zu beachten?
- Das Heilmittelwerbegesetz setzt Grenzen, etwa bei Erfolgsversprechen oder der Werbung für bestimmte Behandlungen. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung, Stand ist August 2026.
Quellen
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